Wer das Odoo-Büro in Louvain-la-Neuve betritt, spürt sofort: Hier wird gearbeitet. Keine Tischkicker, keine Lounge-Ecken im Startup-Stil – stattdessen fokussierte Menschen vor Bildschirmen. Eine bewusste Entscheidung, sagt Gründer und CEO Fabien Pinckaers. „Es ist beruhigend zu sehen, wer arbeitet."
Antiquitätenhändler-Sohn trifft Informatik
Fabien Pinckaers wuchs nicht gerade in einem Technologie-Haushalt auf. Seine Eltern sind Antiquitätenhändler – „die verkaufen alte Sachen, das ist ziemlich das Gegenteil von dem, was ich mache." Doch der Vater war Unternehmer durch und durch, arbeitete viel, war selten zu Hause. Eine stille Prägung: das Arbeiten, das Machen.
Mit 13 Jahren schrieb Pinckaers seine erste Verwaltungssoftware – für ein Transportunternehmen in Brüssel. Nicht weil er reich werden wollte, sondern weil ihn etwas antrieb, das ihn bis heute nicht loslässt: nützliche Dinge bauen.
„Was mich wirklich motiviert hat, war nicht das Geldverdienen – es war wirklich, Dinge zu entwickeln, die nützlich sind."
Kurz darauf programmierte er auch die Auktionsverwaltung für das Geschäft seines Vaters. Spätestens da begriffen die Eltern, was ihr Sohn da eigentlich trieb.
Studium: Mehr Bar als Hörsaal
An der UCLouvain studierte Pinckaers Bauingenieurwesen mit Informatik-Spezialisierung – damals der einzige Weg, Informatik auf universitärem Niveau zu studieren. Die Theorie interessierte ihn weniger als die Praxis: „Ich war die erste Jahr und die nächsten vier Jahre kaum im Kurs. Ich war eher in Bars und Studentenclubs."
Zwei Jahrgänge musste er wiederholen. Im letzten Jahr hatte er bereits drei Angestellte und wollte seine Masterarbeit gar nicht einreichen – er schrieb sie dann doch. Die Eltern? Ruhig. „Sie hatten einfach Vertrauen in mich."
Die ersten Odoo-Jahre: Sieben Jahre am Abgrund
Nach dem Studium baute Pinckaers Odoo zunächst als Dienstleistungsunternehmen auf – kein Lizenzverkauf, sondern klassisches Projektgeschäft, Kunde für Kunde. Was heute nach einer glatten Erfolgsgeschichte klingt, war über fast sieben Jahre ein permanenter Überlebenskampf.
„Ich hatte fast sieben Jahre am Rand der Insolvenz. Ich konnte die Gehälter kaum zahlen – manchmal sogar mit Verzögerung."
Die Strategie in solchen Momenten: Kopf einziehen und doppelt so viel arbeiten. Manchmal wurden Aufträge angenommen, die wenig Marge hatten – nur um Liquidität zu sichern. „Man schaut nach vorne. Man hat den Kopf im Lenker, verfolgt Kunden, versucht Umsatz zu machen. Nicht immer profitabel – aber die Gehälter mussten bezahlt werden."
Langfristig habe dieser Druck Odoo effizienter gemacht, sagt Pinckaers heute: „Wir verschwenden keine Zeit in Administration und Management, weil wir diese Phasen kennen, in denen man einfach überleben musste."
Seit 2014 hat Odoo keine Kapitalerhöhung mehr benötigt. Die Firma ist profitabel und cashflow-positiv – trotz bewusst niedrig gehaltener Preise.
Das Produkt: Alles für 19 Euro
Odoo ist eine integrierte Business-Software-Suite für KMU: Buchhaltung, E-Invoicing, CRM, Lagerverwaltung, Website-Builder, HR, Kassensysteme für Restaurants und Shops. „Alle Apps für einen Preis: 19 Euro pro Nutzer und Monat – alles inklusive."
Seit vier Jahren wurde dieser Preis nicht erhöht – obwohl die Inflation in dieser Zeit rund 20 Prozent betrug. Pinckaers sieht das als klares Strategiesignal: „Das ist unser Business-Ansatz: so günstig wie möglich zu sein."
Dass 2025 die Profitabilität leicht negativ ausfiel, nimmt er in Kauf: „Wir haben den Preis absichtlich so gehalten. Wir wollen die Digitalisierung so zugänglich wie möglich machen."
Marktposition: Kleiner Player, riesige Nutzerbasis
Gemessen am Umsatz ist Odoo ein mittelgroßer Akteur in einem Markt der Giganten – Microsoft, SAP und Oracle. Doch bei den Nutzern sieht die Rechnung anders aus.
SAP S/4HANA: 24.000 Kunden
Microsoft Dynamics für KMU: 44.000 Kunden
NetSuite (Oracle): 46.000 Kunden
Odoo: 260.000 zahlende Kunden – plus Millionen kostenloser Open-Source-Nutzer
„Wir haben alle weit überholt bei der Neukundengewinnung. Unsere Umsätze sind gering, weil viele nicht zahlen müssen – dank Open Source. Und die zahlenden Kunden zahlen wenig, weil wir das so wollen."
Verkaufsangebote lehnt Pinckaers konsequent ab. „Es interessiert mich überhaupt nicht." Und einen Börsengang? Ebenfalls kein Thema: „Die Börse drängt zu Kurzfristdenken – Quartalsberichte, Analystenerwartungen. Ich kümmere mich nicht um das Quartal. Wir arbeiten auf 5, 10 Jahre."
KI als Multiplikator
Odoo integriert große Sprachmodelle wie GPT und andere LLMs in seine Plattform – nicht als Zusatzprodukt, sondern eingebettet in alle Funktionen. Für Partner und Integratoren bedeutet das: Kundenanpassungen, die früher Tage dauerten, entstehen in Minuten.
Für Endnutzer ergeben sich neue Möglichkeiten: per Prompt Gehaltsverläufe analysieren, Risikobewertungen in der Buchhaltung automatisieren, Dashboards generieren, Produktfotos für den eigenen Webshop KI-gestützt in Szene setzen lassen. „Der Nutzer tippt seinen Prompt in Odoo – und die KI interagiert direkt mit allen Systemdaten."
Da Odoo Open Source ist, haben KI-Modelle das System bereits gut verarbeitet. „Die LLMs kennen Odoo sehr gut. Das ist unser Vorteil."
Odoo Lab: Unternehmertum in den Schulen tragen
Neben dem Kernprodukt unterhält Odoo das sogenannte „Odoo Lab" – eine Initiative mit drei mobilen Trucks, die täglich Schulen und Universitäten in ganz Belgien anfahren. 30.000 Schülerinnen und Schüler werden pro Jahr durch praxisnahe Business-Workshops geführt.
Neun Stationen simulieren echte Unternehmensabläufe: Kassenverwaltung, Lagerlogistik, HR, Website-Bau – alles in 15- bis 20-minütigen Einheiten, kostenlos, auf Einladung der Schulen, begleitet von Odoo-Animatoren.
„Wir formen keine Unternehmer. Aber wir zeigen, dass es möglich ist. Wenn Jugendliche nach dem Truck sagen: 'Ich mache jetzt einen Webshop für meine Klamotten' – dann ist das genau das, was wir wollen."
Pinckaers gibt zu, dass es aus reiner Marketingperspektive teuer und ineffizient ist. Doch er sieht es als gesellschaftliche Investition: „Unsere Mitarbeitenden sind stolz darauf. Das motiviert."
Indien: Schneller als schnell
Vor einigen Jahren siedelte Pinckaers vorübergehend nach Indien um. Die Erfahrung veränderte seinen Blick auf Execution-Geschwindigkeit dauerhaft.
Ein Beispiel: Um das Restaurantsegment zu erschließen, schickte Odoo Belgien zwei bis drei Vertriebsmitarbeitende auf Kundentour. Der indische Odoo-Direktor antwortete auf dieselbe Aufgabe: „Ich setze 250 Praktikanten ein." – Das Ergebnis: Hunderte neue Kunden in einem einzigen Bundesstaat innerhalb kürzester Zeit.
Zurück in Belgien setzte Pinckaers das Modell um: 50 Praktikanten in der Wallonie. „Indien hat mir beigebracht, schneller zu handeln."
Vision: Unter den drei Überlebenden sein
Pinckaers denkt in historischen Technologiezyklen. Betriebssysteme: einst Dutzende, heute drei (Windows, macOS/iOS, Linux). Office-Software: einst viele, heute zwei (Microsoft Office, Google Workspace). ERP und Business-Software stehen seiner Meinung nach vor derselben Konsolidierung.
„In 10 oder 20 Jahren werden drei Anbieter übrig sein. Mein Ziel ist es, einer davon zu sein."
Heute beschäftigt Odoo 7.400 Mitarbeitende, stellt täglich rund zehn neue Personen ein und wächst seit 20 Jahren mit über 50 Prozent pro Jahr. Der größte Engpass: Entwicklerinnen und Entwickler. „Die UCLouvain entlässt 80 Absolventen pro Jahr. Ich bräuchte Hunderte."
Was Fabien Pinckaers antreibt
Die Frage nach der Motivation beantwortet er ohne Zögern: „Nichts. Ich liebe das Projekt." Nicht die Bewertung. Nicht die Marktanteile. Sondern die Rückmeldungen von KMU-Inhabern, die sagen: „Odoo hat uns vor der Insolvenz gerettet."
250.000 indirekte Arbeitsplätze wurden durch das Odoo-Ökosystem geschaffen – also durch Partner, Integratoren und Entwickler. 18 Millionen Nutzer arbeiten täglich damit. Die Region Wallonien erhielt durch Investitionsrückflüsse mehrere hundert Millionen Euro.
Auf die Frage, ob er jemals an Rente, Strand oder Rückzug denkt: „Ich würde mich auf einem Strand langweilen."
Das Original Interview hat Fabien Pinckaers mit Forbes Belgium geführt:
Von fast-insolvent zu 260.000 Kunden: Die Geschichte hinter Odoo und CEO Fabien Pinckaers